Immer wieder habe ich in den Anfängen des Tanzens unendlich viel mit meinen engsten Tanzfreundinnen darüber gesprochen, ob wir die Tänze aus Westafrika als weiße Menschen überhaupt tanzen dürfen. Vor allem, als klar war, dass wir nicht nur das Tanzen als Freizeitspaß machen wollen, sondern beruflich. Es war uns sehr wichtig keine kulturelle Aneignung zu begehen!

 

Ich möchte betonen, dass ich von Schwarzen Tänzer*innen gefragt wurde, ob ich mit ihnen auftreten möchte. Und mir wurde von Schwarzen Trommlern und Tänzern gesagt, dass ich unterrichten solle, was ich aber erst tat, als ich das Gefühl hatte, dass ich etwas zu geben habe.

Ich habe mir diese Tätigkeiten also nicht unter den Nagel gerissen. Meine Kenntnisse habe ich auch nicht geraubt, sondern selbstverständlich dafür gezahlt. Ich habe die Künstler bezahlt, die freiwillig unterrichten und ihr Wissen weitergeben wollen und wollten.

Alles, was ich gelernt habe, behandle ich mit größtem Respekt. Mir ist sehr bewusst, dass es ein großer Reichtum ist, der mir vermittelt wurde. Denn ich darf Kenntnisse einer Kultur erlangen, ich darf mich glücklich tanzen, und ich darf damit Geld verdienen.

In Westafrika ist das Tanzen miteinander ein sehr wichtiger gemeinsamer Aspekt. Tanze ich mit den Menschen, so zeige ich, dass ich zur Community gehöre. Es ist so, als würde man sich zusammen unterhalten.

Und das ist auch gleich eine Überleitung zum Thema Wissen weitergeben. Ich kann auch eine Fremdsprache, die ich sehr gut spreche, als Nicht-Muttersprachlerin an andere weitergeben, indem ich die Sprache unterrichte. So sehe ich das auch mit dem Tanzen. Ich unterrichte das Tanzen wie eine Sprache, mit der ich nicht groß geworden bin, die ich aber gut erlernen durfte. Es kann also sein, dass ich die Tänze aus Westafrika mit einem leichten europäischen Akzent tanze, so wie ein/e Sprachlehrer*in vielleicht einen leichten Akzent ihrer eigenen Sprache beibehält.

Ich werde niemals das Wissen und Können haben, was ein Mensch, der damit aufgewachsen ist, hat. Das würde ich auch niemals behaupten! Es gibt immer wieder Momente, in denen ich sage, dass ich bestimmte Sachen nicht oder nicht genau weiß. Das kommuniziere ich auch so.

Aber ich fungiere auch als Vermittlerin, denn es gibt immer wieder Schwierigkeiten, die Europäer*innen beim Erlernen der Tänze haben, weil sie eben nicht damit groß geworden sind. Tänzer*innen, die in Westafrika groß geworden sind, verstehen oftmals nicht, wo für Europäer*innen die Schwierigkeiten, gerade anfangs, beim Erlernen der Tänze liegen. Hier kann ich mit der europäischen Herangehensweise über die Schwierigkeiten hinweg helfen.

Ich sage meinen Tanzteilnehmer*innen immer wieder, wie wichtig es ist, dass sie auch bei afrikanischen Tänzer*innen tanzen und vermittel den Schwarzen Künstler*innen Tanzteilnehmer*innen.

Und letztlich kann man das Thema auch von einer anderen Seite betrachten: in vielen Ländern (in England, den USA, Frankreich...), wo die verschiedenen Kulturen viel enger durch geschichtliche Aspekte miteinander verflochten sind, sind die Tänze aus Afrika als komplett gleichwertig zu anderen Tanzstilen angesehen. So, wie alle Musikstile gleichwertig nebeneinander existieren. In Deutschland werden die Afrikanischen Tänze, egal welche, nach wie vor als exotisch und oft auch minderwertig angesehen. Das ist in meinen Augen tiefster Rassismus! Die Tänze aus Afrika sind alle sehr, sehr komplex. Genau wie die Musik, die Rhythmen. In den anderen Ländern tanzen viele Tänzer*innen die Tänze wie Ballett, Jazzdance, Hip Hop, Modern u.s.w. Zumal viele Tanzstile ganz klar ihren Ursprung/ ihre Elemente aus den Afrikanischen Tänzen haben. Auch gibt es schon lange Verflechtungen aus Afrikanischen Tänzen und Ballett oder Modern Dance.

Ich möchte dazu beitragen, dass auch in Deutschland die Tänze endlich gleichwertig angesehen werden!

Und letztlich dürfte, wenn alles automatisch kulturelle Aneignung wäre, auch kein/e weiße Künstler*in Jazz, Soul u.s.w. singen oder rappen.

Ich hoffe sehr, dass klar geworden ist, dass ich mir nichts Kulturelles aneigne und mit der gesamten Thematik sehr reflektierend und respektvoll umgehe.